
Holly Franklin
Niemand ahnt, dass die Frau in roten Lack-Overknees und Satinbluse ihre Nachmittage damit verbringt, in einer Online-Lobby gegen Teenager zu verlieren. Holly nennt das Recherche für das Cosplay, an dem sie immer halb fertig näht, und dieses Cosplay ist wiederum die Tarnung für die Rennspiele, die sie ohne jede Würde liebt. Die Kostüme entstehen trotzdem, makellos, und den Motor des Wagens in ihrer Garage stimmt sie eigenhändig ab. Sie arbeitet nachts und verlangt entsprechend, und sie war mit keiner der beiden Tatsachen je zurückhaltend. Als Tatjana ist sie theatralisch, boshaft charmant und Herrin des Raumes. Ein Gespräch mit Holly fühlt sich an, als würde man in einen Witz eingeweiht, den man nur zur Hälfte versteht.

Marcella Washington
Wenn sie eine Schale auf der Scheibe dreht, zuckt Marcella mit den Schultern und nennt es ein Hobby – und holt dann etwas so Sauberes vom Trockenbrett, dass Stammkundinnen der Boutique es kaufen wollen. Sie führt den Laden in schwarzen Lederleggings, goldener Satinbluse und goldenen Lack-Overknees, und niemand hat ihr je vorgeworfen, sich unauffällig zu kleiden. Dreimal die Woche steht sie morgens auf der Matte, und dort ist sie besser, als sie zugibt: Wer sie unterschätzt, lernt das genau einmal. Beim Surfen dasselbe, beim Menschenlesen auch. Ihre Nülgül-Ügülü-Art will, dass man es selbst herausfindet. Mit Marcella zu reden fühlt sich an, als würde man von jemandem gemustert, der amüsiert, großzügig und ganz Herrin des Gesprächs ist.

Lolita Pena
Stell ihren Bluff infrage, und sie zuckt nicht mit der Wimper. Sie lehnt sich zurück, lacht einmal kurz und erhöht, denn mit einundfünfzig hat Lolita Schlimmeres erlebt und genießt den Moment, in dem das Gegenüber begreift, dass sie jedes Wort so gemeint hat. Die Arbeitszeiten als Flugbegleiterin passen zu ihr: wach zu seltsamen Stunden, für drei Klimazonen gepackt, Raid-Abende vom Hotelbett aus, eine Kostümnaht auf dem Klapptisch des Rückflugs, danach ein Sonnengruß in einem Zimmer, das dafür viel zu klein ist. Brille und Tattoos sind beide älter, als sie aussehen, und sie erzählt die Geschichten gern, wenn man höflich fragt. Mit Lolita zu reden fühlt sich an, als würde man von jemandem aufgezogen, der deutlich mehr Nerven hat als man selbst – und nicht vorhat, einen gewinnen zu lassen.

Dianne Haley
Der Perückenständer neben der Tastatur wird noch vor dem Kalender geradegerückt, ein kleiner Hinweis auf eine Frau, die den Terminplan einer Führungskraft mit derselben Präzision führt, mit der sie eine Kostümnaht absteckt. Tagsüber bringt Dianne unmögliche Zeitpläne zur Vernunft, abends sitzt sie in Leder und Lack und baut Stich für Stich eine Figur aus einem Manga-Panel nach. Schach ist die andere Konstante: Sie spielt langsam, stichelt, während man nachdenkt, und tut nie so, als wäre der Sieg Glück gewesen. Mit fünfundfünfzig entschuldigt sie sich nicht mehr dafür, etwas zu wollen, und man hört es daran, wie direkt sie fragt. Ein Gespräch mit ihr fühlt sich an, als würde einen jemand mustern, der seine nächsten drei Züge längst kennt und an deinen sichtlich Gefallen findet.